Mittwoch, 25. Oktober 2017

[Stories] Rena Larf: Gegen das Vergessen ... und wenn der Himmel Steine weint

Hallo Ihr Lieben, 
manches bedeutet einem im Leben unglaublich viel. Es sind die Menschen, die man liebt, es sind die Erinnerungen, die sie unvergessen und zu einem Teil von uns selbst machen. Und ab und an fließt etwas davon in kleine feine Storys ein.....



Gegen das Vergessen ... und wenn der Himmel Steine weint


Von Rena Larf

Dunkel. Stockdunkel war es. Nur die LCD-Anzeige auf meinem Wecker leuchtete mir in schreiendem Rot „Ein Uhr dreiundvierzig“ entgegen.
Kälte kroch mir von den Füßen hinauf zu der Mitte meines Körpers und ich versuchte krampfhaft, ein Zittern zu unterdrücken. Stattdessen warf ich die Bettdecke zurück und schloss mit Wucht das Schlafzimmerfenster, das wie immer seit Jahren einen Spalt breit geöffnet gewesen war. Ich hasste es, bei verriegeltem Fenster zu schlafen, fühlte mich immer eingeengt, eingeschlossen dabei.
Als ich zurück kroch in mein Bett spürte ich das warme Laken unter mir, und ich zog die Bettdecke bis zum Halse hinauf. Ich versuchte meine aufgewühlten Gedanken zu fokussieren, folgte durch den Lamellen der weißen Jalousie in meinem Zimmer den Landelichtern eines Flugzeuges. Ich spürte die Finger meiner Hände auf meinem Bauch, als die Tränen kamen. Ich weinte und weinte, wollte mich zusammenkauern, aber meine kalten Glieder waren steif und folgten diesem Befehl nicht.

Seit vielen Jahren war ich nicht mehr in Embrica gewesen. Und jedes Jahr im Oktober, zu ihrem Todestag, wenn die Nebel anfingen zu wandern, holte mich die Erinnerung ein. Vielleicht lag es auch daran, dass ich heute mit meinem Mann im Baumarkt gewesen war und lange vor einer kleinen, weißen Plastikbank inne gehalten hatte, ohne genau zu wissen, warum.

Gartenbank

Ich konnte gar nichts dagegen machen, auch keine Therapie hatte jemals etwas an den Erinnerungen ändern oder lindern können.
Wohl wusste ich den Rest des Jahres damit umzugehen, aber immer wenn der Oktober nahte, ahnte ich, was auf mich zukam, und es würde wohl den Rest meines Lebens auch so bleiben.
Die Kälte kroch weiter in meine Beine und die Tränen rannen mit solch einer Macht aus meinen Augen, dass in kürzester Zeit das Kissen links und rechts von meinen Wangen durchtränkt war. Ich wischte unwirsch über meine Lider und ließ meinen Blick an der Zimmerdecke umherirren ...



Augenblicklich war ich wieder in dem Haus. Meinem Elternhaus. So, als wäre es gestern das letzte Mal gewesen. Ich sah den Wintergarten, den mein Vater vor Ewigkeiten an die Rückwand des Hauses angebaut hatte, die weiße kleine Plastikbank auf der wir nach dem Tod meiner Mutter so oft gesessen und miteinander geredet hatten. Sah seinen Garten, der ihm so viel bedeutet und den er immer mit viel Liebe und ganzer Aufmerksamkeit gepflegt hatte.
Wie verwildert er aussah, als mein Bruder und ich nach Embrica zurückkamen und beim Notar die Urkunde für den Verkauf unseres Elternhauses unterzeichnet hatten.

In Gedanken wanderte ich zurück auf den Dachboden, der nicht ausgebaut gewesen war und auf dem noch Jahre nach Beendigung des Hausbaus ein Balken der Möbel - und Sägewerk-Firma Flötotto gelegen hatte. Diese Tatsache war immer als Geheimnis hinter vorgehaltener Hand von meiner Mutter behandelt worden. Und der Name meines Großvaters fiel dann des Öfteren, der ein begnadeter Organisator und Geschichtenerzähler gewesen war.
Als Kind war ich oft hier oben gewesen, auch wenn mich die Angst vor den - in meiner Erinnerung – tellergroßen Spinnen, die unter dem Dach wohnten, bis in meine Träume verfolgte.
Erst Jahre später hatte ich meinem Vater geholfen auf der einen Seite des Dachbodens eine Holzdecke mit einzuziehen. Als Mädchen gar keine so einfache Aufgabe, weil mir damals die Kraft in den Armen fehlte, die schweren Holzplatten über dem Kopf zu balancieren. Bis heute kann man mich mit Überkopfarbeit in den Wahnsinn treiben. Dazu hatte auch immer die Gardinenaufhängerei an insgesamt elf Fenstern, die auch mindestens alle drei Wochen einmal geputzt werden und mit altem Zeitungspapier blitzblank gewienert werden mussten, gehört. Ich hatte meiner Mutter immer vorgeflunkert, dass ich das gerne für sie machte, wenn ich am Wochenende vom Studium anreiste. In Wahrheit hätte ich wohl mindestens vier Fenster am liebsten einfach zugemauert.
Wenn ich heute darüber nachdachte, war mein Elternhaus die letzten Jahre vor ihrem Tod schon wie ein übererdiger Sarg gewesen. Wenn mein Bruder und ich anreisten, jeder aus verschiedenen Richtungen der Republik, versteht sich, kam für kurze Zeit Leben in das Haus. Aber auch Streit. Zwischen ihm und mir. Wir waren schon immer wie Hund und Katze gewesen. Er dunkelhaarig, ich blond. Er, zehn Jahre älter und ich das Nesthäkchen. Er hatte Recht und ich Unrecht.
Ich erinnerte mich an andere Zeiten, in denen Freunde meiner Eltern ein- und ausgingen, rauschende Feste gefeiert wurden. Jahre in denen mein Vater mich kosend „Tüttje“ nannte.
Nach und nach hatten sie sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben mit den befreundeten Nachbarn zurückgezogen.
Auf einmal war sie da.
Die Stille.

Ob sie einsam waren? Keine Ahnung. Er zerbrach fast an ihrem Tod. Wenn meine Mutter meinen Vater in ihren späten Jahren für alles niedermachte, drehte er sich einfach pfeifend um und ging die Marmortreppe in den Keller hinunter. Dort blieb er dann meistens stundenlang und sortierte sein Werkzeug und seine Schrauben in kleine Kastenbehälter. Von ihm konnte ich mein Ordnungssystem in jedem Falle nicht geerbt haben. Den Keller hasste ich gleich nach dem Dachboden. Nicht wegen der Spinnen. Nein, mein Bruder hatte vor Jahren von der Diele aus das Licht im Keller ausgemacht. Er hatte mich damit als Siebenjährige in meine nächste Phobie katapultiert, und sein hämisches Lachen klingt mir noch heute in den Ohren nach.
Genauso grinsend hatte er mir im Alter von fünf Jahren den Schwimmreifen weggenommen, weil er das lustig fand. Ich wäre beinahe in Einmeterachtzig ertrunken. Wild schlug ich mit den Armen um mich und es dauerte unendlich, ewig, bis meine Füße den gefliesten Boden des Schwimmbeckens berührten und ich mich mit letzter Kraft wieder an die Wasseroberfläche abstoßen konnte. Zuhause erzählte er dann, er hätte mir das Schwimmen beigebracht.
In Wirklichkeit überwand ich die Angst vor der Tiefe erst mit fünfundzwanzig Jahren mithilfe meines zukünftigen Mannes.
Aber noch heute habe ich, obwohl ich die See über alles liebe, panische Angst vor tiefem Wasser und vor hohen Wellen, Tsunamis gleich.
Als der erste Todestag meiner Mutter sich jährte, hatten wir verabredet, uns in Embrica zu treffen, um meinem Vater Gesellschaft zu leisten.
Todestage sind schlimm.
Niemand außer den Betroffenen kann diese Ohnmacht nachfühlen. Diese Kälte, die einen erfasst und die gleichzeitige Hoffnung, dass, wenn man diese Angst miteinander teilte, sie erträglicher würde. Wurde sie aber nicht.
Mein Bruder reiste mit Frau und Kindern an. Ich sprach davon, dass ich nächstes Jahr heiraten wollte. Das Leben sollte weitergehen. Nicht so, wie an dem Tag, als meine Mutter starb und die Erde sich zu drehen aufhörte. Wir ertränkten unsere Seelenschmerzen mit Weizenkorn. Zwei Stunden später gab es Streit zwischen mir und meinem Bruder. Es ging ums Abendbrot. Oder um den Abwasch, oder darum, wann wir auf den Friedhof wollten, oder um die Tatsache, wo mein Vater Silvester verbringen sollte, oder darum, wer mit Vaters Hund raus musste. Oder um Rivalität, Neid, Ablehnung. Der Himmel wurde von ganz alleine schwarz.
Ein Unwetter zog ohne Vorwarnung am Abend über die Region am Rhein. Mein Vater war der Erste der den Ernst der Lage erkannte. Die Vögel in seinem Garten flogen aufgeregt umher. Unter dem Streit zwischen mir und meinem Bruder rannte mein Vater hinaus, als es plötzlich anfing zu hageln. Es wurde immer heftiger. Wir hatten alle Mühe, die Gartenmöbel in Sicherheit zu bringen, als auch schon die ersten Scheiben zerklirrten.
Mein Vater wollte seine kleine, weiße Plastikbank in Sicherheit bringen, die an der Rückseite der Garage zwischen zwei Rosenranken stand. Ich rief nach ihm, aber er hörte mich nicht.
Der Krach und das Scheppern waren unerträglich. Während wir anderen versuchten die Fenster zu sichern, hörten wir nur noch das Bersten der Dachschindeln. Mein Bruder und ich liefen nach oben und versteinerten bei dem Anblick: Es waren Hagelkörner so groß wie faustdicke Pflastersteine! Die Geschosse durchschlugen das Dach wie ein Stück Butter. Überall entstanden große Risse. Wir rannten hinunter und versuchten den Rest der Familie, vor allem meine Nichte und meinen Neffen vor der Katastrophe zu beschützen, indem wir sie drängten, sich unter den Betten zu verstecken.
Mein Bruder und ich sahen uns an und hatten im selben Moment zum ersten Mal im Leben den gleichen Gedanken: Vater!
Auf einmal war Totenstille. Ich rannte hinaus in den Garten. Es war gespenstisch. Überall waren die Hecken und Blumen zerfetzt von der Wucht der herab fallenden Hagelkörner.
Drei Vögel lagen erschlagen vor dem arg lädierten Gartenzaun. Und Vater ? ...saß auf seiner kleinen, weißen Plastikbank, vollkommen unversehrt zwischen den jetzt verwelkten, herbstlichen Rosenranken und sah in den Himmel. Um ihn herum, links und rechts von der Bank, türmten sich zwei große Hagelberge - und er lächelte. Er hätte tot sein können, mindestens jedoch schwer verletzt. Aber er lebte noch - bis zum 9.März 1990.


***

Frieden überkam mich. Ich drehte mich auf den Rücken, zog die Beine an und spürte, wie die Wärme langsam in meine Fußsohlen zurückkehrte. Vielleicht sollte ich morgen für den nächsten Frühling auch so eine kleine, weiße Plastikbank kaufen...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen