Donnerstag, 12. Oktober 2017

[Fantasy] Eine fantastische Story von Rena Larf: "Schutzengel - Bis an das Ende deiner Zeit"





(c) kellepics - pixabay


Ich hatte versagt. Und die anderen Schutzengel auch.
Die Überlebenden aus dem Dorf Sygard hatten sich über Schleichwege zu unserem Tempel des göttlichen Lichts nach Isor durchgeschlagen. Zu ihren Schutzengeln. Zu denen, die sie so schmählich im Stich gelassen hatten, obwohl ihr Leben in ihren Händen lag. Jeden Tag und jede Nacht.
Es war ein Weg, der vielen von Ihnen wie Hohn erschien. Denn wo waren wir gewesen, die strahlenden Wesen aus Licht und Liebe, als der Tod kam? Wo war unser Schutz, als die Barbaren einfielen?

Es war ein langer, harter Kampf gegen die Plünderer aus Thalegard
gewesen. Viel Blut war geflossen während des feindlichen Angriffes. Aber er endete schließlich mit der Niederlage und der Aufgabe des Dorfes Sygard. Die Kavallerie der Plünderer hatte im Getümmel das Schlachtfeld umritten und im Rücken der Dorfbewohner durch ein Gemetzel für schwere Verluste gesorgt. Die Bogenschützen und Speerkämpfer aus Sygard waren ohne jede Chance gewesen.
Wir, ihre Schutzengel, waren ohne jede Chance gewesen!
Denn die Racheengel ritten auf den Schultern des Todes mit den Plünderern in das Dorf ein. Mit ihren Klingen und ihren seelenlosen Körpern war ihnen jedes Mittel Recht gewesen, um die Feinde zu vernichten.
Viele Frauen und Kinder wurden in die Kapelle von Sygard gesperrt, die später in Brand gesetzt wurde. Hilflos mussten die Väter, Onkel, Männer und Brüder mit ansehen, wie ihre Hoffnung, ihre Zukunft von den Peinigern zerstört wurde.
Mit einem schicksalhaften, bösen Bann war der ganze Ort belegt. Sygard wurde zum Lustgarten des Teufels, gegen den wir Schutzengel machtlos waren.
Die Bewohner, die sich erschöpft zum Tempel des Lichts retten konnten, erhielten von uns ein Nachtlager, Essen und Trinken. Ihre Schmerzensschreie über den Verlust der Menschen, die ihnen lieb waren, hallten die ganze Nacht gegen die Wände des Gotteshauses und wollten nicht verstummen. Viele von den Überlebenden wünschten sich, niemals geboren worden zu sein, da sie diese Düsternis der Seele nicht mehr ertragen konnten.
Ihr Lebensquell wurde ihnen geraubt, gemordet und ihre Familien verblassten zu Schatten in der Erinnerung ihrer Herzen.
Und ich wurde gefragt, wo denn nun das große Licht wäre, der Ausdruck der reinen, göttlichen Liebe und des reinen, göttlichen Lichts, wo waren Gott und die Gerechtigkeit, die dieses Leid ungeschehen machen könnten?
Und ich antwortete: „Gerechtigkeit kann niemals Leid ungeschehen machen. Sie kann nur für Frieden in unseren Seelen sorgen, der alle Wunden heilt. Mit der Zeit. Euer Gott ist in euch, auch wenn er euch heute so fern scheint, wie die Existenz des Bösen euch nahe ist. Ihr tragt das Licht im Herzen. Wenn dem nicht so wäre, hättet ihr keine Zuflucht im Tempel des Lichtes gesucht. Isor und wir Engel werden euer Licht der Verzweiflung umkehren in das Licht der Hoffnung, das euch den Mut und die Willenskraft geben wird, weiterzuleben.“
Stille herrschte.
Erwartet hatten die Menschen wohl, dass ihnen ihr Gott ihre Familien zurückgab oder zumindest die Plünderer aus Thalegard Aug’ um Auge und Zahn um Zahn büßen mussten und die Flammen der Schutzengel dazu alles in helles, goldenes Licht tauchen würden.


***

Nach zwei Monaten kalten Winters, als die Toten längst begraben und Notunterkünfte für die Überlebenden errichtet worden waren, war Isor mehr als nur eine Zuflucht für die Opfer geworden.
Die meisten der Überlebenden waren Bauern oder Fischer. Ein paar Krieger waren übrig geblieben.
Die Felder von Sygard waren zerstört, gebrandschatzt. Vorräte für den Winter waren der Vernichtung anheim gefallen durch die Horden aus Thalegard. Die Fischerboote und Netze wurden geraubt, um den Bewohnern ihre Lebensgrundlage zu nehmen. Der Überfall hatte vielen Menschen innerhalb weniger Minuten jede Hoffnung auf die Zukunft genommen.
Das Flüchtlingslager in Isor umfasste achtundfünfzig Bewohner aus Sygard, überwiegend Waisen, ältere Männer und eine Handvoll Frauen, die dem Brandanschlag in der Kapelle des Dorfes auf wundersame Weise entkommen waren.
Ich kümmerte mich mit meinen Schutzengelschwestern um die ärztliche Versorgung der Wunden und wir schafften Nahrungsmittel und Decken heran. Doch die Versorgungslage war verheerend.
Viele der Dorfbewohner wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Sie hatten alles verloren. Auch ihren Glauben in uns.
Ich war mir bewusst, dass ich ein Zeichen würde setzen müssen, um den Überlebenden ihren Lebensmut zurückzugeben.
Schweigen, so schien es, war nicht die einzige Antwort auf die Frage nach dem Warum. Aber was konnte ich schon sagen?
Selbst vor jedem Wort eines unsterblichen Schutzengels öffnete sich doch nur der Abgrund des Unvorstellbaren und des Versagens für die Hinterbliebenen.
Und was durfte ich jenen sagen, denen selbst ihre Toten noch entrissen wurden als ein Häufchen Asche, die wortlos trauerten um ihre Liebsten?
Vermochten Worte da zu trösten? Welche Worte hielten stand?
Aber trotz aller Bedenken – beseelt vom göttlichen Licht - wollte ich nicht schweigen. Ich suchte Emon, den Anführer der Krieger aus Sygard, auf. Er war mein Mensch, dem ich seit der Sekunde seiner Inkarnation als Lichtwesen zur Seite gestellt war, das ihn begleiten würde bis zur Stunde seines Todes auf dieser Erde. Ich war untrennbar mit ihm und seinem Weg verbunden. Zumindest ihn würde ich retten und beschützen müssen! Wie zuvor.


***


Emon hatte trotz seiner schweren Verletzungen überlebt und befand sich auf dem Weg der Besserung. Seitdem er wusste, dass seine Angetraute in den Mauern der angezündeten Kapelle den Flammentod gestorben war, hatte er kein Wort gesprochen.
Emon hatte sich, als einer der wenigen überlebenden Männer mittleren Alters, an meine Seite gestellt und die Dorfbewohner mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten versorgt und den Wiederaufbau des zerstörten Dorfes vorangetrieben. Die wortlose Arbeit lenkte ihn von seiner eigenen Trauer ab, die so tief war, dass er nicht einmal weinen konnte. Emon half anderen, ihre Last zu tragen - dadurch wurde vieles für ihn leichter. Und so konnte er den Hass auf die Engel besiegen, den er tief in seinem Herzen in sich trug. Den Hass auf mich, seinen Schutzengel, der nicht versagt hatte, wie die anderen. Der ihn weiter leben ließ, obwohl er nicht wollte!


***


Emon hatte ein kleines Holzfeuer entzündet, um sich ein paar Kartoffeln zu braten und um ein wenig Wärme für die Nacht zu haben.
Dunkle Schatten tanzten im Schein des Feuers auf seinem nachdenklichen Gesicht. Sein Haar war pechschwarz und seine Augen schmal. Die hohen Wangenknochen ließen keinen Zweifel daran, dass er ein stolzer und würdiger Anführer war.
Emon summte eine leise, schwermütige Melodie, die mit dem Rauch des Feuers zum Himmel stieg. Er stierte in die Flammen, nahm die Hitze der Glut in sich auf und beobachtete das glimmende Holz.
Der Wind begann ungestümer zu wehen. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper, er zitterte leicht.
Plötzlich schlug ein schillernder Blitz in den Baum rechts neben ihm ein. Die Rinde zersplitterte in viele Teile und flog in die glühende Asche. Wie ein Zeichen des Himmels!
Emon war Fischer und Krieger und zeigte sich vom Wetter dieses dunklen Winters kaum beeindruckt, verharrte in hockender Haltung, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Gewitter war für ihn ein Element, das Gefahr und Rausch gleichzeitig bedeutete.
Bei manchem Sturm war er furchtlos auf das Meer hinausgefahren, in manchem Unwetter hatte er tollkühn sein Dorf verteidigt gegen Eindringlinge.
Als Emon mich wahrnahm wurden seine Augen noch schmaler und er griff für einen Augenblick neben sich auf dem Boden nach seinem Messer.
„Emon, ich bin es!“, beschwichtigte ich ihn.
Meine Stimme musste in den Ohren des Menschen wie ein Wispern des Windes klingen. Leichtfüßig überquerte ich den schmalen Pfad zur Lichtung. Emon sah beharrlich in die Flammen und deutete wortlos und unwillig auf den freien Platz an seiner Seite.
So saßen wir beide eine Weile schweigend nebeneinander.
Der Mensch und sein Schutzengel.
„Wie willst du mein Leid lindern, Aladiah?“, fragte Emon nach einer Weile mit seiner tiefen, rauen Stimme.
Sein erster Satz nach monatelangem Schweigen. Eine erste Frage an mich nach dem Danach.
„Worte alleine können die Trauer und den Schmerz nicht lindern,
Emon. Es hilft uns aber, wenn wir gemeinsam trauern.“
Ich war mir nicht einmal sicher, ob Gott uns Engeln überhaupt die Fähigkeit gegeben hatte, zu trauern. Ich hatte dieses Gefühl noch nie erlebt. Kein Mensch war mir je vor seiner Zeit gestorben. Immer hatte ich geschützt, gerettet und behütet – ein Leben lang.
Ich war ein Wesen aus Licht, das nur im direkten Gegenüber überhaupt für einen Menschen sichtbar war. Doch ich war immer da, auch wenn er mich nicht sehen konnte.
Jetzt war ich ganz in ein helles, fast durchsichtiges Gewand gekleidet, welches wenig von meinem wunderschönen Engelskörper verbarg. Ich faltete meine Hände und setzte Emon einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Was willst du von mir?“, hakte Emon ruppig nach.
Ich legte sanft eine Hand auf seinen rechten Unterarm, um
ihn zu beruhigen. Dann sprach ich mit eindringlicher Stimme: „Emon, ich brauche dich, dein Dorf braucht dich. Du bist der Führer auf der Fährte in die Zukunft. Ohne dich werden die anderen aufgeben und sterben. Alle!“
Emon richtete sich erstaunt auf und betrachtete mich mit festem Blick. Und doch hob er unsicher fragend die Hände ins Mondlicht.
„Ich weiß, Emon. Der Schmerz über den Verlust deiner geliebten Frau nagt tief in deiner Seele und dein Herz ist ohne Hoffnung gefangen im Leid deines Lebens.“
Emon brach zusammen und fiel klagend auf die Knie. Das erste Mal seit dem Tod seiner Frau konnte er weinen und das Herz schien seine Brust sprengen zu wollen. Er hatte seinen Schmerz heimlich
in sich mitgeschleppt die ganzen Monate, und jetzt brach es wie eine Flut aus ihm heraus.
Ich gestattete ihm diesen Moment der Trauer und strich mit zarter Hand über sein langes Haar.
„Warum tust du mir das an, Aladiah?“, schrie Emon auf. „Ich habe
Sana so unendlich geliebt...“, seine Stimme verlor sich.
„Das weiß ich“, flüsterte ich. „Sana starb viel zu früh vor ihrer Zeit und durch grausame Hand barbarischer Peiniger.“
Ich hielt inne und beobachtete Emons Reaktion, dessen Schultern zusammensackten. Sana war wie die anderen eingesperrt gewesen.
Emon war nicht in der Lage gewesen, sie aus dem Feuer in der Kapelle zu retten. Diese Last wog zentnerschwer auf ihm.

„Emon, du musst den anderen helfen mit ihrem Leid und ihrer Ohnmacht fertig zu werden. Ihr müsst euch auf den Weg machen
in die Zukunft. Der Kinder wegen. Nur so wird es Frieden geben können. Im Leben und in euren Herzen. Die Menschen von Sygard brauchen deine Stärke und du allein hast die Macht, ihnen ihren Lebensmut zurückzugeben. Geh’ voran!“
Emon sprang auf und raufte sich die Haare.
„Mit welcher Magie sollte es einem Verlorenen wie mir möglich sein, das zu schaffen? Ich bin ohne Heimat, ohne Hab und Gut und ohne das Liebste auf der Welt. Verflucht Aladiah, warum hast du nicht genauso versagt wie die anderen Schutzengel und mich nicht einfach sterben lassen?“

Emon rannte wie ein verletztes Tier um das Feuer herum. Dann trat er wütend in die Glut. Er fühlte sich allein und unendlich alt, so alt wie die Welt, der er den Rücken gekehrt hatte, in seinem tiefen Schmerz.
Ich erhob mich und sprach: „Die Magie heißt Glauben, Emon!“

Mein Mensch ließ mir keine Wahl. Gott ließ mir keine Wahl.
Ich wollte, dass das Leben wieder einen Sinn für Emon und die anderen Bewohner von Sygard hatte!
Ich war ein Schutzengel, nicht mehr und nicht weniger.
Durfte ich den kosmischen Plan so durcheinander bringen?
Welches Recht hatte ich dazu?
Aber ein bisschen weißes Licht konnte doch nicht schaden, oder?

In diesem Moment brach der Himmel auf und ein gleißender Lichtstrahl senkte sich auf Emon.
Er war so hell und rein, dass er die Augen schließen musste, um nicht zu erblinden. Nach einer Weile verdunkelten sich seine Lider wieder und sein Blick fiel auf jene, die er in den Flammen der Kapelle sterben sah: Sana! Seine über alles geliebte Sana!
Es war, als wenn er sie berühren konnte.
Es war, als wenn er sie riechen konnte.
Sie war vollkommen unversehrt und wunderschön.
Sana nickte ihm aufmunternd zu und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. Dann verschwand ihre zarte Gestalt langsam mit dem gleißenden Lichtstrahl wieder gen Himmel.


Und Emon stand auf, um seinen Weg zu gehen.
Den Weg, den ich, sein Schutzengel, mit ihm gehe, bis an das Ende seiner Zeit...

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