Sonntag, 9. November 2014

#Mauerfalljubiläum - 25 Jahre #Mauerfall: Rena Larf: "Flucht und Liebe"

25 Jahre ‪#‎Mauerfall‬:
Meine ganz besondere Geschichte zum ‪#‎mauerfalljubiläum‬
erschienen in der "Poesie unterwegs" Nordhessischer Verkehrsverbund
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Flucht und Liebe
© Rena Larf

Das Gelb der Sonne war an diesem Tag nicht so intensiv. Er bemerkte dies nicht, stapfte mit nackten Füßen durch den warmen Sand. Seine Sonnenbrille verwandelte jeden Lichtstrahl in ein dumpfes Braun. Gedanken schwirrten wie gelbe Bänder in seinem Kopf.
Gelbe Bänder, die sich wirbelnd dem Wind aus nordwestlicher Richtung ergaben, der über den Strand von Meschendorf blies. Reiner Naturstrand. Der Ort war ein Relikt aus seiner Jugend In Ostdeutschland. Zeltplatzzeiten.
Er blieb stehen, starrte in die leichten Schaumkronen der ankommenden Ostseewellen. In ihm schmerzhafte Fragen an sich selbst. Wie würde sie wohl aussehen nach all den Jahren? 
Nervös bückte er sich nach Muscheln und Steinen und warf sie weit in die See hinaus. Wie, als ob er so seine Gedanken wegwerfen konnte. Seine Gedanken an sie. 
Lange stand er so da, bis er merkte, dass es Zeit wurde. Sie hatte ihm geantwortet auf seinen Brief. War einverstanden mit einem Wiedersehen. Nach sieben Jahren.
Er sah ihre winkenden Arme. Seine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Wie im Traum. 
Ihr buntes Sommerkleid auf ihrer sonnengebräunten Haut hob sich fröhlich gegen das Blau der Ostsee ab, die endlos langen Haare flatterten ungebändigt im Wind.
Jetzt konnte er auch ihr Lächeln sehen, das ihm galt, und gleich würde er das Blau ihrer Augen in sich aufsaugen, wenn er seine Sonnenbrille abnahm.
Noch ein paar Meter, stärker wurde ihr Lächeln, immer stärker, dann flog sie in seine ausgebreiteten Arme. Fest, ganz fest drückte er sie an sich, drehte sich mit ihr im Kreis, spürte ihre Weiblichkeit, jeden Zentimeter, jede Rundung. Ihre Wärme. Er sah den Horizont, die Wellen, die Sonne...küsste ihre Wange, - drehte sich mit ihr im Kreis.
Er suchte ihren Blick, noch betört von ihrem Duft. Kein Wort war zwischen ihnen. Nur Momente, Atemzüge. Dann ihre Hände, die ihn in den weichen Sand des Strandes von Meschendorf zogen.
Hand in Hand saßen beide da. Sie wollte es ihm erklären, er wollte fragen. Sie brachte es nicht fertig. Er hatte Angst. Vor der Wahrheit. Vor dem Nichts.
Die Mauer war gefallen, die Grenzen offen, aber er hatte in diesem deutsch-deutschen Spiel verloren. Er hatte sie verloren.
Und dennoch wollte er etwas sagen, eine Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit wach halten.
„Erinnerst du dich...“, sprach er leise nahe an ihrem Gesicht. “Ich musste dir eine Muschel schenken, wenn ich dich küssen wollte. Preis der Liebe, nanntest du das. Und wenn ich keine mehr hatte, schicktest du mich runter zum Strand, um neue ...“ 
Er stockte, lächelte sie zaghaft an, beobachtend, ob er sie mit seinen Worten gefangen nehmen konnte. Aber sie nickte nur. Wortlos.
„Und ... als wir uns das erste Mal im Wald oberhalb des Strandes liebten. Wir hatten Angst vor den Folgen. Es war schön und furchtbar zugleich. Du hast es sicher vergessen!?“

Sie erschrak. Wie hätte sie das jemals vergessen können?
Es war nicht nur das erste, sondern auch das einzige Mal gewesen. Dann war er über die #Ostsee geflüchtet in die #BRD. Ohne sie.
Ihre Hand löste sich von der seinen.
Beide erblickten sie am Strand einen Mann, der ein Kind an der Hand führte und immer schneller auf sie zusteuerte. 
Plötzlich riss der kleine Junge sich los und rannte.
„Mama, da bist du ja! Papa und ich haben dich schon gesucht. Guck‘ mal, was wir für tolle Muscheln gesammelt haben.“
Das Kind lief zur Mutter, öffnete mit seinen kleinen Fingern einen großen Stoffbeutel und strahlte über das ganze, sonnengebräunte Gesicht.

Lange stand er allein am Strand.
Er hätte sie nie zurück lassen dürfen. Niemals die #Flucht über die Ostsee nach #Westdeutschland wagen dürfen, als sich ihm die Möglichkeit bot, und sie Angst vor der See hatte, weil sie nicht schwimmen konnte. Von der Küste bei #Kühlungsborn war er mit einem #Faltboot zwischen zwei #Beobachtungstürmen bei Nebel und ruhiger See mit einem Kumpel nach Fehmarn geflüchtet.
Nie hätte er fliehen dürfen aus dem verhassten Regime, das ihnen alle ihre Träume weggenommen hatte. Nicht allein. Nicht ohne sie. Das dachte er.
Wie war er nur auf die Idee gekommen, dass sie so viele Jahre auf ihn warten würde. Eine Frau wie sie, jung, schön, begehrenswert! 
Dann war die #Mauer weg und er wollte sie zu sich holen. Obwohl sie ihm schrieb, dass sie geheiratet und ein Kind hatte. Und er dachte daran, dass er der Mann an ihrer Seite hätte sein sollen, er der Vater ihres Kindes!

Lange stand er allein am Strand.
Und warf Muscheln und Steine in die ankommenden Wellen weit hinaus in die Fluten. Wie, als ob er so seine Gedanken wegwerfen konnte. Seine Gedanken an sie. Seine große Liebe.

Seine Ähnlichkeit mit dem kleinen Jungen hatte er gar nicht wahrgenommen.

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