Montag, 19. November 2012

Shalom macht man mit Shalom und nicht mit Krieg

Krieg und Frieden, Gaza und Israel, Menschsein und Menschbleiben in Zeiten von Beschuss und Bombardierung.


Rena Larf schreibt über ihre israelische Freundin Tamy Markuz auf GT-Worldwide - freies Magazin für Politische Kultur 





Shalom macht man mit Shalom und nicht mit Krieg


Von Rena Larf
19.11.2012
Kein vernünftig denkender Mensch möchte Krieg, egal wo er lebt, welche Religion er hat, wie er heißt oder aussieht ...
Im Zuge der Operation „Säule der Verteidigung“ stehen israelische Panzer in Wartebereitschaft für die Bodenoffensive an der Grenze zum Gazastreifen. Kein Einmarschbefehl. Noch nicht. Raketen aus dem Gazastreifen treffen Israel, das israelische Militär bombardiert weiterhin Gaza-Stadt, der Sitz der Hamas-Zentrale ist bereits zerbombt.
Ein neuer Krieg zwischen Israel und den Palästinensern droht.
Nun reist der deutsche Außenminister, Guido Westerwelle, ins Krisengebiet. In Tel Aviv gibt es den 5. Luftalarm.

Unabhängig davon, dass ich denke, dass ein Außenminister wie Westerwelle weder das Aktionspotential und die Überzeugungskraft noch das Charisma hat, ein Ende im Gazakonflikt zu forcieren, muss ich auch feststellen, dass in Deutschland die Ansicht dominiert, dass dort nie Ruhe herrschen wird.
Meine Freundin Tamy lebt in Israel. Ich kenne sie noch aus ihrer Zeit in Hamburg-Bergedorf, als sie nicht weit vor mir gewohnt hat und dort ihre Praxis und Schule für Wellness und Massage hatte.
Ich möchte von Tamy aus erster Hand wissen, wie es ihr im alltäglichen Leben mit dieser schrecklichen Realität geht und wie diese ihr in den israelischen Medien begegnet.
Tamy, was denken DU und die Menschen um dich herum über Krieg und Frieden?
Sie sagt, dass sie dort lebt, wo momentan nichts passiert. Tamy sagt auch, dass sie Frieden will und absolut gegen Krieg ist und dass die Menschen im Allgemeinen ruhiger sind als im Golf Krieg. Das klingt kriegserfahren in meinen Ohren. Global: War-Experience.
Aber sie sagt auch, dass es die Menschen in Israel satt haben, dem ständigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ausgesetzt zu sein; und dass sie ein Recht haben, sich und ihr Land selbst zu verteidigen. Viele Jahre haben sie nichts dagegen gemacht in den südlichen Städten des Staates. Und jetzt sei der Moment für die Armee gekommen, sich zu wehren.
In erster Linie wurde die Gefangennahme Gilad Schalits gesühnt, der im Juni 2006 durch militante Palästinenser aus Israel entführt und anschließend an einen unbekannten Ort im Gazastreifen gebracht wurde. Die Israelis, sagt Tamy, wollten nichts tun, bevor Gilad nicht wieder zuhause war, empfanden dies jedoch als außergewöhnlich große Demütigung für ihr Volk, die hart bestraft werden musste.
2011 einigten sich die israelische Regierung und die Hamas auf einen Gefangenenaustausch, wodurch Schalit am 18. Oktober nach Israel zurückkehren konnte. Dafür bekam die Hamas 1027 palästinensische Häftlinge frei. Aber  Entführung und Schmach waren nicht vergessen.
Der Palästinenser Zuher al Kesi, wurde im März 2012 bei einer planmäßigen Aktion der israelischen Luftwaffe getötet. Ein weiterer Verantwortlicher, Ahmed al-Dschabari, der schon lange auf Israels Todesliste stand, wurde im November 2012 von einer israelischen Rakete in seinem Fahrzeug getötet.
Die ganze Aktion sollte eigentlich die Hamas warnen, dass Israel stark ist und sich dieses Vorgehen nicht bieten lässt, sagt Tamy. Auch nicht den ständigen Beschuss aus dem Gazastreifen auf die südlichen Städte Israels, allen voran Sderot nahe des nördlichen Gazastreifens, eine Stadt die tagtäglich mit dem Horror und der Angst leben muss.
Tamy erläutert mir, dass die israelische Armee eine so genannte Target-Bank hat, in der die wichtigen Ziele der Hamas gelistet sind. Menschen, Gebäude. Laut Tamys Aussage, sollen sich Angehörige der Zivilbevölkerung nicht neben Hamas-Mitgliedern und Hamas-Quartieren aufhalten, damit keine Unschuldigen getötet werden und die israelische Air Force präzise ihre Nadelstiche setzen kann.
Keine Moscheen werden angegriffen, aber wie sehr das letztendlich greift, ist nicht bis in letzte Detail planbar. Wir alle wissen, so etwas fällt unter den militärischen Begriff: Kollateralschaden!
Tamy schaut sonst nie regelmäßig Nachrichten. In diesen Tagen kommt auch sie nicht daran vorbei. Es wird der Eindruck erweckt in den Medien, dass die israelische Armee sehr stark ist. Sie denkt, dass die Palästinenser sehr mutig sind, sich gegen diese Militärstärke zu richten, die doch nur das Ziel hat, dass die Hamas mit dem Raketenbeschuss aufhört und endlich Frieden herrscht.
Ältere Juden sagen, man solle einfach reingehen in Gaza. Und versuchen, das "zu regeln". Was auch immer und wie damit gemeint sei. Aber Tamy weiß auch: Shalom macht man mit Shalom und nicht mit Krieg. Ihre Worte. So einfach, so verständlich. 
„Warum können die Jungs nicht einfach aufhören und die Hamas dankt ab?“ fragt sie.
Tamy selbst fühlt sich momentan sicher. Sie lebt in Kfar Saba, nördlich von Tel Aviv, eine Stadt in der keine Panik herrscht, auch wenn man nicht weiß, was noch kommt. Dort sind schon 50 Familien als Gäste aufgenommen worden. Flüchtlinge um es genau zu sagen. Aber Gäste klingt schöner!
Sie sagt, das Beste an so einer Scheißsituation ist, dass es die Menschen nah zueinander bringt. Alle halten zusammen. Schade, dass das erst passiert, wenn es einem wirklich schlecht geht, sagt Tamy. Sie sagt, es ist auch schade, dass die Juden einen eigenen Staat für sich brauchen, schade, dass die Menschen nicht einfach toleranter mit einander umgehen und ohne verheerende Kriege leben können.
Tamy kommt alles wie ein beschissenes Computerspiel für Erwachsene vor. Mit der Lizenz zum töten!
Sie wirkt bedrückt. Tamy sagt, dass sie in Deutschland viele arabische und iranische Kunden - und Freunde - hatte: „Ich finde es traurig dass wir nur "dort" - in Hamburg - Freunde ohne Angst sein können.