Sonntag, 28. Oktober 2012

Eine seltene Begegnung mit Goethe


Das schöne Südtirol ist ja seit Markus Lanz wieder in aller Munde:-))
Eine schöne Reisegeschichte mit dem Touch eines Mysteriums...

Die beste Bildung ist ein gescheiter Mensch auf Reisen:
Eine seltene Begegnung mit Goethe
© Rena Larf

 
Johann Wolfgang von Goethe reiste im Jahr 1786 nach Rom. Im Tagebuch über diese italienische Reise schrieb er auch folgende Sätze, die nachfolgend wieder gegeben sind:

„...Von Bozen auf Trient geht es neun Meilen weg in einem fruchtbaren und fruchtbareren Tale hin. Alles, was auf den höheren Gebirgen zu vegetieren versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne scheint heiß, und man glaubt wieder einmal an einen Gott...“
(Zitat Ende)


Deutschnofen, 14.Oktober 2012

 ‚Ich habe hier über dem Eggenthal, welches ostwärts von Bozen aus abzweigt, ein schönes Kirchlein entdeckt, dass mir wert ist, zu beschreiben. Die Wirtin vom Kreuzhof, der gleich neben dem Kirchlein liegt, machte mir Speck, Käse und Brot zurecht, zudem einen roten hausgemachten Wein, der vorzüglich schmeckt und meinem Geist nun jene Leichtigkeit schenkt, die alle Last im Tornister meines Lebens erträglich macht. Ich sitze auf einer Bank direkt am Kirchlein, vor mir ein Baumstumpf als Tisch, darauf all die beschriebenen Wohlgeschmäcke. Wende ich mich nordwärts, türmt sich ein großes Gebirge auf, das hier den Namen ‚Rosengarten’ trägt. Ein wahrlich schöner Anblick gibt sich mir, da die abendliche Sonne jetzt den wuchtigen Fels zu einem fuchsigen Glühen bringt und mein Verweilen in höchstes Glück tränkt. Nun zum Kirchlein. Bei meiner Ankunft erzählte mir die Wirtin darüber und übergab mir den Schlüssel. Ich trat sogleich ein und ließ alles auf mich einwirken. Das Kirchlein wurde der heiligen Helena gewidmet und stammt aus dem 14.Jahrhundert. An den Innenwänden bestaunte ich viele Fresken, die um 1410 von einem Meister der Bozener Schule stammen. An der Außenwand beim Haupteingang, befindet sich die übergroße Gestalt eines Christopherus und ein Steinrelief mit der heiligen Helena und dem Kirchenstifter. Obwohl ich noch so viel hier aufschreiben möchte, schließe ich jetzt, da ich heute noch in Trient ankommen möchte.
Aufschreiben will ich noch, dass ich hier Tommaso, einen Gastwirt aus Brenzone am Gardasee traf und er mir auf meiner Weiterreise den See, das Örtchen und sein Haus als Quartier empfohlen hat. Ich will dieser Empfehlung folgen.’

Der Fremde, der das alles in ein Leder gebundenes Buch schrieb, legte seinen Stift zur Seite, prostete mir zu und trank vom köstlichen Wein. Ich tat ihm gleich, untersuchte dabei aber neugierig sein Buch, das noch aufgeschlagen dalag. Ich sah seine Zeichnung vom Rosengarten, die er sehr genau gefertigt hatte. Eben hatte ich mich ihm als Wirt aus Brenzone vorgestellt und meinen Gasthof als mögliches Quartier auf seiner Reise in den Süden empfohlen.
Als der Fremde zu essen begann, klappte er sein Buch zu und steckte es in eine alte, abgenutzte, braune Reisetasche, die überhaupt nicht zu seiner gepflegten Erscheinung passte.
Scheinbar bemerkte er mein Erstaunen darüber, weil er daraufhin unsere bisweilen belanglos verlaufene Unterhaltung fortsetzte.
Während er redete, streichelte eine Handfläche über die Tasche.
„Wissen Sie, Tommaso, diese Tasche hat schon viel gesehen und vor allem – sie hat mich immer wieder heimgebracht. Da sehen sie, die Gravur auf dem Metallblättchen. Er zeigte mit dem Finger auf die vierzeilige Inschrift und las sie voller Stolz vor:
  
Habe Frohnatur und Lust zu fabulieren – Deine Mutter
Bewahre des Lebens ernstes Führen – Dein Vater
Zum 20.Geburtstag,
Frankfurt, 28.August 1769

Der Fremde lächelte mich an und klopfte jetzt ein paar Mal mit seiner Hand auf die Tasche. Ich staunte über das Datum und begann, das Alter dieser Tasche zu errechnen. Fasziniert von meinem Ergebnis reagierte ich folgerichtig: „Donnerwetter, 243 Jahre ist die ja schon alt, Wahnsinn. Ein schönes Andenken an ihre Vorfahren. Die muss ja schon einiges erlebt haben! Reisen, Menschen, Kriege, Lieben. Herrlich! Und diese Gravur. Schön, sehr schön. Wenn man dies alles so leben kann. Frohnatur, Lust zum fabulieren, ernstes Führen des Lebens. Schön wär’s. Wissen Sie eigentlich, ob Ihre Vorfahren das befolgt, besser das gelebt haben? Ich will nicht neugierig sein, aber...“
Er unterbrach mich.
„Ich habe das gelebt, mein lieber Tommaso. Ja, doch, ich denke schon. Interessant, darüber nachzudenken. Alles zu summieren, alles abzuwägen, alles einzuschätzen, die Bilanz eines Lebens. Doch, Tommaso, doch. Nur... das mit den Frauen... die Liebe... na ja, ich denke, das war Kampf und Leiden, war zu viel, von allem zu viel, aber zugegebener Maßen auch schön. Ja, so denke ich, war es wohl.“

Ich lachte verschmitzt, wollte damit meine Verlegenheit verstecken. Er sprach ja so, als ob er schon tot wäre, also ob er auf sich herab blicken könnte, als ob er schon alles wüsste von seinem Leben, von seinen Lieben. Zu viel? Kampf und Leiden? Komischer Kerl.
Ich sah ihn an. Seine Augen, sein in den Mundwinkeln verstecktes spitzbübisches Lächeln, seine Gebärden. Ich griff nach dem Weinbecher, um meine Unsicherheit zu überspielen und prostete ihm zu. Prompt nahm er sein Glas und stieß mit mir an.
„Zum Wohl, Tommaso. Auf das Leben und...“ Er sah zu einer jungen Wanderin, die jetzt in der Tür der Einkehr stand und zu ihm herüber lächelte. „... und die Liebe, nicht wahr, wertes Fräulein?“
Ihre Wangen röteten sich, sie lachte irgendwie entzückt und verschwand wieder im Haus.
Der Fremde stapfte ihr hastig nach.
Nichts sah ich mehr von den beiden.

Vielleicht zwanzig Minuten später kam er alleine aus dem Haus, sein Gesicht voller Glück und Befriedigung, sein Gang einem Sieger gleichend.
„Ich muss jetzt runter ins Dorf, Tommaso. Die Kutsche fährt sonst ohne mich. Mach es gut. Vielleicht sehen wir uns in Brenzone. Habe die Ehre.“
  
„Kutsche ist gut. Passt zur Tasche. Ja, das ist gut,“ erwiderte ich lachend und streckte ihm die Hand entgegen....


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